Megalopolis São Paulo

São Paulo ist Brasiliens Stadt der Superlative, steinreich und bitterarm, faszinierend und unerträglich, eine Metropole mit zehntausenden Hochhäusern bis zum Ende des Horizonts und 20 Millionen Einwohnern, vielleicht noch viel mehr. Eine Mega-City, die im Sekundentakt handelt, produziert, wächst und verdreckt.

Grande São Paulo beherbergt 20 Millionen Menschen – mehr als das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands, Nordrhein-Westfalen. Da das Ballungsgebiet Grande São Paulo mit weiteren sechs Städten über 100.000 Einwohnern zusammenwächst (darunter die Millionenstadt Campinas), die alle in einem Umkreis von weniger als 150 Kilometern um Grande São Paulo liegen, wird heute schon von einer erweiterten Metropolregion (Complexo Metropolitano Expandido, CME) gesprochen, der die Funktion einer Makro-Metropole zukommt. Bei der Einführung einer Schnellzugstrecke zwischen São Paulo und Rio de Janeiro wird damit gerechnet, dass São Paulo/Rio de Janeiro zu einer Megalopolis verwachsen.

Angesichts der extrem rasanten Expansion und des ungehemmten Baubooms hat es so etwas wie Raumordnungspläne oder Stadtentwicklungsprogramme nicht gegeben. Dies fällt einem bei der Platzierung der Gebäude und beim Straßenverlauf auf, der hier überwiegend nicht schachbrettartig, sondern individuell gestaltet ist. Das System ist typisch und passend für eine historische Kleinstadt, aber absolut ungeeignet für eine Mega-City. Nachdem die letzten Baulücken im innerstädtischen und innenstadtnahen Bereich geschlossen wurden, ist São Paulo heute im Umkreis von mehr als 25 Kilometern um das Zentrum durch Wohnquartiere, Gewerbeflächen und Verkehrswege versiegelt.

Wer es sich leisten kann, bewegt sich mit Hubschraubern fort, und entgeht somit dem Chaos auf den Straßen und der Kriminalität. In keiner anderen Stadt gibt es so viele Hubschrauberlandeplätze wie in São Paulo, knapp 250 sind es, und mit jedem neuen Bürogebäude kommt ein neuer Landeplatz dazu.

Es gibt zahlreiche Wohnanlagen, die meistens aus mehreren Luxushochhäusern, einer Shopping-Mall, hochrangigen Dienstleistern und einem kleinen Park bestehen, und durch hohe Mauern und bewaffnete Sicherheitsdienste abgeschirmt sind. Anderen Wohnkomplexen und Hochhäusern fehlt es dagegen an allem, die Rede ist von den Corticos, den sogenannten Bienenkörben, vertikalen Favelas.

Viele dürften eine Hassliebe zu São Paulo pflegen oder die Stadt nur hassen, was man ihnen nicht verübeln kann. Dennoch schrumpft São Paulo nicht, zieht Massen von Menschen an und wächst rasant weiter. São Paulo boomt, ist eine sehr wichtige Business- und Industriestadt – und wird immer wichtiger im boomenden Brasilien. Nahezu ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts wird hier erwirtschaftet, und die industrielle Produktionskapazität ist die bedeutendste in ganz Lateinamerika. Alleine rund 1.000 deutsche Firmen sind in São Paulo ansässig!

Neben allen negativen Punkten, die diese Mega-City mit sich bringt, ist sie aber auch großartig: das rund um die Uhr pulsierende Leben, die verschiedenen Stadtviertel, mit teilweise wesentlichen portugiesischen, italienischen, deutschen, libanesischen und japanischen Einflüssen, die Architektur, die spannende Szene, das riesige kulturelle Angebot mit rund 120 Theatern, 300 Kinos, 100 Museen, mit Ausstellungen, Konzerten, Shows, 1.000 Clubs und etwa 12.500 Restaurants. Wer zwischendurch etwas Ruhe braucht von der Reizüberflutung, kann die Stadt hinter sich lassen und ist nach 50 Kilometern in herrlicher Natur und an Traumstränden am Meer angelangt.

Fotos: CC 2.0 Júlio Boaro, fotosedm.hpg.ig.com.br, CC 3.0 Alexandre Giesbrecht

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4 Kommentare zu Megalopolis São Paulo

  1. Christian 15. März 2011 um 10:22 #

    Hallo,

    ich freue mich sehr über diesen treffenden Beitrag! Sicher ist SP für viele Besucher unerträglich, extrem stressig und chaotisch.
    Zu der Kriminalität muss ich allerdings sagen, dass diese in den letzten Jahren deutlich fühlbar zurückgegangen ist, besonders seit 2000 (ich bin seit 1992 regelmäßig geschäftlich in dort).
    Die Stadt hat, wie beschrieben, auch ihre Vorzüge, vor allem ist sie aber GIGANTISCH. Die Skyline, zwar nicht so hoch wie in New York, aber dafür unendlich. Nach einem Arbeitstag mit einem Drink auf dem Balkon, mit Blick auf SP, ähnlich wie auf dem Bild oben – unbeschreiblich!

    Weiter so!
    Christian

    • David 15. März 2011 um 11:32 #

      Hallo Christian,

      gerne! Die Verbesserung der Sicherheitslage ist bekannt, allerdings werden wohl noch ein paar Jahre vergehen, bis man mit Rolex am Arm und Kamera um den Hals durch die Stadt spazieren kann…

  2. Marco 21. Juli 2011 um 01:02 #

    Meine Frau kommt aus Sao Paulo und wir gehören zu den Menschen, die die Stadt lieben. :-)

    Wer einige Eindrücke von der Megastadt erhaschen möchte, sollte sich die Fotos von tchelllo ansehen. Hier sind hunderte, sehr empfehlenswert: http://www.skyscrapercity.com/showthread.php?t=1123301

    • David 21. Juli 2011 um 01:14 #

      Wirklich sehr beeindruckende Fotos, tolle Architektur und Straßenszenen… danke!

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