Brasília, die außergewöhnliche Hauptstadt Brasiliens

Brasília liegt in der Mitte Brasiliens auf dem zentralen Hochplateau des Landes in 1.158 Metern Höhe, weit entfernt von anderen Metropolen. In der Metropolregion Brasília, die bis in die Bundesstaaten Goiás und Minas Gerais hineinreicht, leben rund 3,5 Millionen Menschen auf einer Fläche von 55.570 Quadratkilometern.

Einer kühnen Vision verdankt die Hauptstadt Brasiliens ihren Ursprung: Präsident Juscelino Kubitschek träumte in den 1950er-Jahren von einer modernen Hauptstadt für das Wirtschaftswunderland, gelegen auf einem zentralen Hochland, im Nichts. Die Hauptstadt sollte von Rio de Janeiro in das Hinterland verlegt werden, näher in das Herz Brasiliens.

Im Jahr 1956 befand sich die Gegend weitab von der Zivilisation – von São Paulo (872 Kilometer), Rio de Janeiro (930 Kilometer), Recife (1.653 Kilometer) und Belém (1.600 Kilometer) weit entfernt. Die nächste Eisenbahnstation lag 125 Kilometer weg, der nächste Flugplatz 190 Kilometer und die nächste befestigte Straße 640 Kilometer. Sand und Kies waren zwar verfügbar, aber Bauholz musste aus 1.200 Kilometer und Baustahl aus 1.600 Kilometer Entfernung geholt werden.

Als Grundriss für die Stadt wurde die Form eines Kreuzes gewählt, das als Symbol der Landmarkierung auf einer Landkarte gesehen werden sollte, dessen eine Achse aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten gebogen wurde. Die Unterlagen zum städtebaulichen Wettbewerb trugen damals den Namen „plano piloto“, was in etwa mit „Leitplan“ zu übersetzen ist. Aufgrund der Ähnlichkeit der Stadtanlage mit dem Umriss eines Flugzeugs und der Bezeichnung „plano piloto“ wird vielfach fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der Plan auf die Darstellung eines Flugzeugs zurückgeht.

Zwei Corbusier-Schüler, der Stadtplaner Costa und der Architekt Niemeyer, verwirklichten den Traum einer futuristischen Metropole. Angefangen beim Entwurf der Wohn-, Gewerbe- und Verwaltungsbereiche bis hin zur Symmetrie der Gebäude – vorgesehen war ein absolut harmonisches Design wiederzuspiegeln, in welchem die öffentlichen Verwaltungsgebäude eine Attraktion für sich darstellen sollten. Brasília wurde mit dem Gedanken entworfen, über mehrere großflächige Grünflächen zu verfügen, welche einen Ausgleich zwischen Natur, Gebäuden und dem Menschen darstellen. Ein künstlich angelegter See, der Paraná mit seiner 49 Kilometer langen Ausdehnung, bricht die Dürre dieses zentralen Hochgebirges.

Nur vier Jahre dauerte es, bis 1960 eine Stadt eingeweiht wurde, die in der Kühnheit ihres Projekts einzigartig ist: eine Hauptstadt, gebaut für den Autoverkehr, mit strengster Aufteilung der Lebens- und Arbeitsbereiche, nach Funktionen geordneten Sektoren.

Heute wohnen weniger als ein Fünftel der 2,3 Millionen Einwohner innerhalb der Beamtenstadt; die Mehrheit lebt in Satellitenstädten außerhalb. In der Verwaltungsregion Brasília leben vor allem Menschen der Mittel- und Oberschicht. Für die Arbeiter, die überwiegend aus dem Nordosten des Landes kamen und die Hauptstadt aufgebaut haben, war in der Planung kein Platz vorgesehen.

Die Lebensqualität in Brasília mit Grünflächen, Versorgungseinrichtungen und guter Infrastruktur ist für die dort lebenden Menschen im Vergleich zu anderen Metropolen des Landes hoch. Brasília fehlt aber durch wenig vorhandene soziokulturelle Einrichtungen das pulsierende und kulturelle Leben einer Hauptstadt. Die Politiker, Abgeordneten und Angestellten verbringen das Wochenende meistens in anderen Städten des Landes.

Die hypermoderne Hauptstadt mit ihren im extravaganten Stil errichteten Gebäuden ist für Brasilien ein Symbol des Fortschritts und bietet mit ihrer klimatischen Beschaffenheit, Lebensqualität, Landschaftsplanung, reicher Vegetation und entschärfter Verkehrssituation noch weitere Entwicklungsmöglichkeiten.

Aufgrund seiner Bedeutung für die Architekturgeschichte gehört Brasília seit 1987 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Zu seiner Entstehungszeit war Brasília ein gepriesenes Modell der architektonischen Moderne. Diese Euphorie hat sich längst gelegt, heute zeigen sich an vielen Stellen Spuren des Verfalls.

Einen guten Überblick über die futuristische Hauptstadt gewinnt man von der Aussichtsplattform des 218 Meter hohen Fernsehturms, des höchsten Gebäudes der Stadt. Er steht an der Monumentalachse, in der Nähe des alten Busbahnhofes, dort, wo sich Rumpf und Flügel treffen. Östlich davon wird die Achse von zwei schlanken Türmen des Parlamentsgebäudes und dem See begrenzt. Westlich davon steht das 1981 fertig gestellte Kubitschek-Denkmal.

Im Norden und Süden liegen die Wohnbezirke, Hotels und Einkaufszentren. Etwas außerhalb der dicht bebauten Nord- und Südflügel befinden sich das Sportstadion, das meteorologische Observatorium, das Autodrom, der Campingplatz und der Tierfriedhof.

Die Monumentalachse vom Fernsehturm Brasilia bis zur Praça dos Três Poderes (Platz der drei Gewalten) ist zu Fuß begehbar. Hinter dem alten Busbahnhof steht links das Nationaltheater und auf der rechten Seite die Kathedrale von Brasilia, von der die Esplanada dos Ministérios, die Straße der Ministerien, abgeht. Der Palácio do Itamaraty spiegelt sich in dem das Gebäude umgebenden Wasserbecken. Das Parlament, der Congresso Nacional, steht am Ende der Monumentalachse. Auf der anderen Seite, am Praça dos Três Poderes, befinden sich der Präsidentenpalast, der Oberste Gerichtshof und als neuestes Gebäude ein Pantheon zur Erinnerung an Tancredo Neves (1910–1985) – ein Mahnmal für die Demokratie. Auf der linken Seite des Platzes liegt der Amtssitz des Präsidenten, der Palácio do Planalto.

Für die einen mag Brasília eine seltsame Betonwüste mit viel zu großen Freiflächen und Straßen sein, für die anderen hochgradig faszinierend. Brasília wurde als erste moderne Stadt von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt!

Fotos: CC 1.0 Julien Vandeburie, CC 3.0 Cayambe, Mario Roberto Durán Ortiz, CC 3.0 Bruno da Silva Lessa

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